Airbnb – Vom Segen zum Fluch?

Airbnb in Amsterdam

 

Die ursprüngliche Idee von Airbnb war fantastisch. Auf Reisen authentisch, kostengünstig und nachhaltig bei Einheimischen wohnen. Sich ganz auf fremde Städte einlassen, gemütlich im temporären zu Hause mit den neuen Mitbewohnerinnen kochen und nicht zum exzessiven Stromverbrauch großer Hotels beitragen, wo permanent Licht brennt, der Pool beheizt wird, die Handtücher täglich gewaschen werden (obgleich man sie zum Zeichen des Wiederverwendens ordentlich aufgehängt hat) und einwandfreie Lebensmittel en masse in der Mülltonne landen. Doch dieses Bild hat sich längst gewandelt.

 

Lockende Versprechungen.

Einst ein Geheimtipp, ist inzwischen allerorten von Airbnb zu hören. So habe auch ich schon eine Unterkunft über die Plattform gebucht, da mich die damit verbundenen Versprechungen lockten. Dem Aufenthalt am Reiseziel Authentizität verleihen, besser mit Einheimischen in Kontakt kommen, dabei ganz in das Lebensgefühl der Stadt eintauchen und sich auf deren Stimmung einlassen. Ich möchte nicht in den typischen touristischen Vierteln wohnen, sondern die Stadt der Einheimischen kennenlernen. In dieselben Lebensmittelgeschäfte gehen, regionale Produkte kaufen und dann in der Wohnung selbst kochen. Denn das ist es, was Airbnb ursprünglich ausgemacht und zu seiner großen Beliebtheit beigetragen hat – das Wohnen bei Privatleuten zu finanziell äußerst interessanten Konditionen. Doch mit dem enormen Wachstum von Airbnb hat sich dieses ursprüngliche Konzept verändert. Inzwischen ernten die Plattform und jene, die sie nutzen, viel Kritik und aufgrund der Probleme, die die Thematik mittlerweile aufwirft, beschäftigt sich in einigen Städten nun auch die Politik mit dem Thema. Doch wie kam es so weit?

 

Auftritt der Gierigen.

In den Anfängen brachte die Plattform Privatpersonen, die entweder ein nicht genutztes Zimmer in ihrer Wohnung oder – bei Abwesenheit, etwa während des eigenen Urlaubs,– die ganze Wohnung an Gäste vermieteten, mit ebenjenen Mieterinnen zusammen. Grundsätzlich ist dies noch immer so; allerdings ist zu denen, die auf Airbnb lediglich ihre eigene Unterkunft anpreisen, inzwischen auch eine nicht zu unterschätzende Anzahl kommerzieller Anbieter hinzugekommen. Darunter sind etwa Pensionen, die das Portal als weitere Plattform nutzen, aber auch Profi-Vermieter, die eine Vielzahl von Objekten anbieten. Dies birgt ganz verschiedene Probleme: Erstens wird die Erwartungshaltung der Mieterinnen enttäuscht und zweitens Wohnraum zweckentfremdet.

Airbnb in Amsterdam

[FOTO: Herbst in Amsterdam.]

 

Im Einklang mit der Stadt.

Zu erstens: Als ich über Airbnb gebucht habe, hatte ich, wie die meisten Nutzerinnen der Plattform, eine bestimmte Intention. Ich wollte am Reiseziel das Gefühl haben, irgendwie dazuzugehören. Weniger eine Fremde, vor allem aber kein Fremdkörper sein. Brötchen in Amsterdam beim Bäcker um die Ecke kaufen. Das eigene Raumbedürfnis erfüllen. Statt im engen Hotelzimmer eingepfercht den Platz genießen, den eine Wohnung bietet. Ganz Herrin über meinen Tagesablauf sein, ohne etwa zu einer bestimmten Stunde frühstücken gehen zu müssen. Geld sparen und sich mühelos auch unterwegs gesund ernähren. Schließlich kann man in den Wohnungen kochen und darf zumeist ohnehin Vorhandenes, wie Gewürze oder Spülmittel, verwenden.

All diese Erwartungen haben sich bei unserem Aufenthalt in Amsterdam erfüllt. Unsere Vermieterin Rubiah hat uns herzlich willkommen geheißen und ist aber während unseres Aufenthalts zu ihrem Freund gezogen. Allerdings lebte ihre Mitbewohnerin weiterhin mit uns in der hübschen Zweieinhalbzimmerwohnung. Im direkten Austausch mit ihr haben wir viel über das Leben in der Stadt erfahren und so einen besonderen Zugang zu Stadt. Dies wird häufig ebenso durch die Lage der Unterkunft begünstigt, da die meisten Wohnungen sich nicht unbedingt in den klassischen Touristenecken befinden, sondern in Stadtteilen, in die man als BesucherIn sonst wohl nicht unbedingt kommen würde – die aber nichtsdestoweniger lohnend und vor allem authentisch sind. All diese Vorteile von Airbnb entfallen, wenn man an einen kommerziellen Superhost gerät. Die Wohnungen stehen leer, wenn sie nicht gerade über Airbnb vermietet sind – dementsprechend fehlen persönliche Gegenstände, aber eben auch Salz, Pfeffer und Waschmittel; wer etwa selbst kochen möchte, muss erstmal groß einkaufen und fragt sich nach drei Tagen oder zwei Wochen, was nun eigentlich aus dem Liter Olivenöl und den anderen nicht verbrauchten Lebensmitteln werden soll. Auch der Kontakt zu Einheimischen fehlt in einem solchen Fall, da der Schlüssel meist in einem Code-Tresor oder auf andere unpersönliche Weise übergeben wird. Möglicherweise bekommt man eine Unterkunft in einem Haus, in dem sich fast nur über Airbnb vermietete Wohnungen befinden.

 

Airbnb in Amsterdam

[FOTO: Authentizität auf zwei Rädern.]

 

Annexion durch Kommerz.

Dies führt zu zweitens: Eine solch große Anzahl von Wohnungen wird inzwischen für die touristische Vermietung über Airbnb zweckentfremdet, dass dies in einigen Städten zu einem ernstzunehmenden Problem geworden ist. In ganzen Stadtvierteln wird durch die sich immer weiter ausbreitenden Strukturen, die das Modell von Airbnb kommerziell nutzen, ein nicht unerheblicher Teil der angestammten Mieter aus ihren Wohnungen verdrängt. Dies ist vor allem in Städten, in denen Wohnraum ohnehin knapp und teuer ist, desaströs. Das prominenteste Beispiel in Deutschland ist Berlin – die Website airbnbvsberlin befasst sich ausschließlich mit dieser Problematik, wobei hier die Frage nach dem Zusammenhang von Wohnungsmangel, steigenden Mieten und Airbnb in Berlin, wobei belastbare Zahlen ein erschreckendes Bild zeichnen. So offerieren momentan allein die Top-10-AnbieterInnen, denen zweifelsfrei der Missbrauch von Airbnb als Gewerbeportal unterstellt werden kann, gemeinsam 281 Zimmer oder ganze Wohnungen. Die Konzentration der Top-User liegt in speziellen, touristisch besonders attraktiven Gegenden, wie etwa Mitte, Neukölln oder Prenzlauer Berg. Hier wiederum gibt es einige zentrale Straßen, die für die Airbnb-Vermietung genutzt werden – so gibt es allein in den beiden Straßen Sonnenallee und Weserstraße in Neukölln etwa 200 Angebote via Airbnb. Zwar gibt es seit 2014 ein Zweckentfremdungsverbot, wonach es untersagt ist, eine Mietwohnung illegal als Ferienwohnung anzubieten. Die Bußgelder können sich auf bis zu 50.000 Euro belaufen – allerdings scheint die Strafverfolgung schwierig und die Dunkelziffer hoch.

Die Verdrängung angestammter MieterInnen zugunsten von Airbnb und die Explosion der Mietkosten ist natürlich nicht nur in Deutschland ein Problem. Ein weiteres dramatisches Beispiel ist Florenz. Ohnehin stöhnt die Metropole am Arno unter dem Massentourismus; mittlerweile beklagen die Einheimischen, ihre Stadt verkäme zu Disneyland und machen Airbnb dafür verantwortlich. Italien steht unter den Airbnb-Anbietern nach den USA und Frankreich weltweit auf Platz drei. In Florenz werden fast 20% aller Wohnungen über Airbnb vermietet. Die Einheimischen werden aus ihrer eigenen Stadt verdrängt, ihren angestammten Vierteln, wo sie seit Generationen lebten. Mit ihnen verschwinden kleine unabhängige Geschäfte, da sie ihre alte Kundschaft verloren haben und die Touristen kein Interesse für ihre italienischen Produkte haben, sondern vielmehr „Smoothies aus Plastikbechern und fleischfreie Hamburger im neuen veganen Bistro, Coffee to go und Vollkornbrot aus dem S. Forno, der mit der auf alt gemachten Glasvitrine, den Holzregalen und Brotkörben an eine Bäckerei aus den 1950er-Jahren erinnert“ wollen, wie Felicitas Witte so treffend bemerkt. Einige Geschäfte haben sich darauf ein- und ihr Sortiment unitalienisch umgestellt. Doch was erlebt man als TouristIn dann noch von der Stadt? Wenn die Straßen kaum noch von Einheimischen bevölkert sind, die Geschäfte nicht mehr authentisch – gibt es das wahre Florenz noch, das einst die BesucherInnen anzog?

Airbnb in Amsterdam

[FOTO: Extravaganz allerorten.]

 

Es liegt in unseren Händen. Noch immer.

Doch es ist keineswegs meine Absicht, Airbnb als Ganzes zu verteufeln – das wäre ebenso platt und falsch, wie unreflektiertes, bedingungsloses Lob. Die initiale Idee hinter der Plattform ist großartig, bringt sie doch Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt zusammen und ermöglicht es, in eine fremde Stadt wirklich einzutauchen. Auch, was die Energiebilanz anbelangt, ist Airbnb Hotels vorzuziehen, da in den Zimmern und Wohnungen nicht die ganze Zeit Licht brennt, der Pool beheizt wird und Heizung oder Klimaanlage laufen – doch das ist nochmal ein ganz anderes Thema. Wie man letztlich als NutzerIn von Airbnb immer noch bekommt, was die Plattform ursprünglich versprochen hat, erklärt Ute Kranz auf ihrem Blog Bravebird. Ja, es liegt tatsächlich in unserer Hand, ob wir Miet-Haie unterstützen oder bei Privatpersonen zu Gast sind und damit auch ein Stückchen in deren Leben eintauchen. Denn das macht eine Reise nochmal umso wertvoller und wir möchten unsere Airbnb-Erfahrungen nicht missen, wo wir nur ein Zimmer gemietet hatten, während unsere Gastgeberinnen zu Hause waren und wir wunderbaren Menschen, ihren Katzen und Geschichten begegnet sind.

Außerdem greift es auch zu kurz, allein Airbnb die Schuld an der Misere zu geben. Wir brauchen einen Tourismus, der nicht in Konkurrenz zu den Einheimischen tritt, sondern ausbalanciert ist. Nachdenklich stimmt in diesem Zusammenhang das sozialkritische Interview mit dem Tourismusmanager Stephen Hodes, der ein düsteres Bild von der Zukunft zeichnet und für sich selbst bereits Konsequenzen gezogen hat – bei eigenen Reisen aber auch hinsichtlich seiner Wohnsituation.

 

 

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