Am Ende der Welt

 

Schon der Weg nach Stewart Island ist etwas Besonderes: Eine Stunde dauert die Fahrt über den hier sehr rauen Pazifik. Meterhohe Wellen brechen über die kleine Fähre herein. Die dreiköpfige Besatzung, eine Gruppe etwa zehnjähriger Mädchen – die bei der Talfahrt über die höchsten Wellenberge vor Begeisterung kreischen – und wir haben unsere wahre Freude an dem Ritt. Einige Passagiere wirken hingegen recht unglücklich. Nicht jeder Magen ist unserem Tanz auf de m Ozean gewachsen.

 

Ein Land wie vor tausend Jahren.

Nicht viele Besucher verirren sich auf die drittgrößte Insel Neuseelands, die keine 500 Einwohner zählt. Orban ist die einzige Ansiedlung und so gibt es auf der ganzen Insel ein Geschä, eine Bar und einen einzigen Polizisten. Der Rakiura-Nationalpark – bezeichnet nach dem Namen der Māori für das Eiland – nimmt 85% der Gesamtfläche ein. Hier ist es tatsächlich noch möglich, mit dem Kajak Flüsse zu befahren und zu Fuß Orte zu erkunden, die noch kein menschliches Auge je erblickt hat. Hier sieht Neuseeland noch so aus, wie vor tausend Jahren. Dies und die Tatsache, dass Stewart Island die letzte Station vor der Antarktis ist, vermitteln das überwältigende Gefühl, tatsächlich am Ende der Welt angekommen zu sein. Wer diese Insel nicht gesehen, nicht erfahren hat, der hat Neuseeland nicht erlebt.

 

Stewart Island, Rakiura

[FOTO: Die grüne Insel am Rand der Welt.]

 

Eine Reise durch Zeit und Raum.

Die Erfahrung, die Stewart Island jeder und jedem bietet, der hierherkommt, geht weit über das Erleben ursprünglicher Natur hinaus. Die Insel selbst wirbt mit einem einfacheren, langsameren Lebensstil im Rhythmus mit dem Meer und den Gezeiten und im Einklang mit der natürlichen Umgebung von Wald und Strand. Die unserer Tage in Deutschland vielbeschworene, häufig künstlich herbeigeführte Entschleunigung wird hier ganz selbstverständlich gelebt.

Auf Rakiura fühlt man sich um Jahrzehnte zurückgeworfen, in eine Welt, die kleiner war und dadurch weniger anonym. Wo die Menschen sich noch einander verantwortlich fühlten. Hier hat die Gier noch nicht überhandgenommen; während die Bewohner dieser wundervollen Insel zwar wissen, dass die im Grunde einzige Attraktion die Natur ist, bewahren sie dieses Kapital, diesen Schatz. Die Zerstörung, die der Kapitalismus für gewöhnlich mit sich bringt, ist hier noch nicht angekommen.

 

Das Paradies nicht nur für Vögel.

Auch wir sind einzig hierhergekommen, um diese einzigartige Natur, diese grandiose ursprüngliche Landschaft zu erfahren. Auf Rakiura kann man Vogelarten beobachten, die einem sonst verborgen blieben. Die Aussicht auf die Sichtung des neuseeländischen Nationalvogels, eines Kiwi, ist hier am höchsten; 20.000 Exemplare leben an diesem Rand der Welt. Wer ganz sicher gehen möchte, besucht die Vogelinsel Ulva Island. Im Gegensatz zu den anderen fünf Kiwi-Arten ist der Stewart Island Brown Kiwi nicht nur nachtaktiv, sondern auch tagsüber unterwegs.

 

Drei Tage entlang an weißen Stränden und durch Urwälder hindurch.

Der Rakiura Track folgt am ersten Tag direkt der Küstenlinie. Trotz der kühlen Temperaturen und der frischen Brise haben wir die Schuhe abgestreift, sind barfuß über die weißen Strände gelaufen und haben uns lange beim Sammeln der Paua-Muschelschalen aufgehalten, die den Touristen überall sonst im Land für hohe Preise feilgeboten werden.

 

Stewart Island, Rakiura

[FOTO: Einsame Strände.]

 

Am nächsten Tag hat uns die Sonne verlassen, der Wind dagegen ist geblieben und sogar noch aufgefrischt. Es regnet in Strömen, während wir unseren Weg durch die dichten Wälder der Insel fortsetzen. Schließlich schwillt der Wind zu einem Sturm an und jagt durch die Kronen der Bäume, die sich unwillig weg zu ducken suchen. Bedrohliches Heulen und Knarren und Knacken umgibt uns. In der Hütte angekommen beobachten wir lange ein Reh, das ohne jede Scheu zum Äsen ganz nah herankommt.

 

Reh

[FOTO: Das angstfreie Reh.]

 

Des Nachts halten wir erfolglos Aussicht nach Kiwis. Die ungewöhnlichen Rufe der vorsichtigen Tiere hallen zwar durch eine Dunkelheit, die so undurchdringlich ist, wie wir es nie für möglich gehalten hätten – doch die flügellosen Vögel bleiben unseren sehnsüchtigen Augen verborgen. Allerdings hält die Nacht eine andere Begegnung bereit: Im roten Schein der Taschenlampe entdecken wir in unmittelbarer Nähe erneut das Reh. Ich müsste nur die Hand ausstrecken, um es zu berühren.

Der dritte und letzte Tag ist landschaftlich wie der zweite – aber diesmal ohne Sturm, nur noch mit etwas Regen. Unablässig werden wir begleitet vom wunderbaren Gesang der Vögel – Stimmen und Melodien, die unserem europäischen Gehör gänzlich fremd sind und von einer Schönheit, die nur Staunen zurücklässt.

 

Auf den Mehrtages-Touren in Neuseeland, den sogenannten Great Walks, muss man sich komplett selbst versorgen; nur Trinkwasser kann in Flüssen und an Hütten aufgefüllt werden. In den meisten jener Hütten gibt es weder Elektrizität, noch warmes Wasser.

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