Über dem Gipfelmeer

Naturpark Drei Zinnen

 

Ein Tag im Gebirge. Allein der Gedanke zaubert mir sofort ein Lächeln ins Gesicht. Nein, es ist mehr. Ein Strahlen, das aus dem tiefsten Grund meiner Seele kommt. Unbändige Vorfreude. Bizarre Felsformationen. Kühle, frische Bergluft. Weiter Blick über grüne Almen und ferne Gipfel. Sich selbst bewusst dem Anblick dieser Schönheit aussetzen. Ein Hauch von Glückseligkeit.

 

Zeitiger Aufbruch und altbekanntes Empfinden.

Es ist früh an diesem Morgen im September. Beim Klingeln des Weckers bin ich sofort hellwach, erfüllt von Vorfreude und Aufregung – die Emotionslage, in der ich mich stets befinde, bevor wir zu einem Klettersteig aufbrechen. Während wir frühstücken ist es draußen noch dunkel. Die Rucksäcke mit Klettersteigausrüstung und Proviant haben wir bereits am Vorabend gepackt, um keine Zeit zu verlieren. Schließlich liegt noch eine einstündige Autofahrt von unserer Unterkunft im südlich von Cortina d’Ampezzo gelegenen San Vito di Cadore bis zum Parkplatz am Rifugio Auronzo (2320 m) in den Sextener Dolomiten vor uns. Den sollte man – nach Aussage unserer Gastgeber – vor 10:00 Uhr erreicht haben, da die Kapazität dann ausgelastet sein würde und die zum Parkplatz führende Mautstraße geschlossen wird.

Naturpark Drei Zinnen

[Ein perfekter Tag.]

 

Auf ausgetretenen Pfaden.

Als wir Rifugio Auronzo gegen 9:00 Uhr erreichen, ist der Andrang bereits groß. Zügig begeben wir uns zum Weg 101. Dieser mutet eher wie eine Autobahn für Fußgänger an. Rasch gehen wir auf der Überholspur vorbei an der zum Gedenken an die an den Drei Zinnen abgestürzten Bergsteiger errichteten Cappella degli Alpini Richtung Rifugio Lavaredo. Zahlreiche Grüppchen von 80jährigen, die mit Bussen hierher chauffiert wurden, drängeln sich entlang des Weges und fuchteln mit ihren Gehhilfen in der Luft herum, um auf Felsformationen oder Ausblicke aufmerksam zu machen. Ein gewöhnungsbedürftiges Schauspiel. An der überfüllten Hütte, die Ziel für all jene ist, die es ohne die vorhandene Infrastruktur niemals bis hierherschaffen würden, halten wir uns nicht auf. Stattdessen entscheiden wir uns für den Weg linker Hand, der unterhalb der Kleinen Zinne (2857 m) zum Paternsattel (2454 m), dem Übergang zwischen Kleiner Zinne und Paternkofel, führt.

Paternkofel

[Den Gipfel des Paternkofels fest im Blick.]

 

Der Beginn des Steigs ist eine Reise in die Vergangenheit.

Bereits hier sind nun etwas weniger Wandernde unterwegs; die meisten steigen hinab und wählen entweder den Weg zur Umrundung der Zinnen oder zur Dreizinnenhütte (italienisch Rifugio Antonio Locatelli – S. Innerkofler), die Ausgangspunkt für viele Wander- und Klettersteigtouren ist. Wir dagegen nehmen den rechts über einen Geröllrücken hinaufführenden Steig zur Westwand des Passportenkopfes und gelangen an einen alten Kriegsbunker, der links in den Berg hineinführt. Hier beginnt unsere eigentliche Tour.

 

Eine Klettersteigtour auf den Spuren des 1. Weltkriegs.

Nachdem Klettersteigset und Helm angelegt sind, geht es nun endlich los. Wir steigen in den kurzen, niedrigen Stollen ein. Eine Stirnlampe wird hier nicht benötigt. Es folgt ein Band, das zu einem Felsenfenster führt, durch welches man in die Passportenscharte (2379 m) gelangt. Hier machen wir eine ausgesprochen interessante Begegnung: Ein Mountainbiker hat sein Rad bis hierhergetragen und bereitet sich darauf vor, die Scharte hinunterzufahren. Um das halsbrecherische Unternehmen festzuhalten, hat er einen gut ausgerüsteten Kameramann mitgebracht. Da seine Vorbereitungen verständlicherweise andauern, setzen wir und vier andere Schaulustige unseren Weg über vielgestaltiges Gelände in die Ostseite des Südgrates des Paternkofels und von dort über eine Geröllrinne in die Gamsscharte (2650 m) fort. Hier befindet sich ein Wegekreuz, von dem aus das Büllelejoch sowie die Dreizinnenhütte zu erreichen sind. Stattdessen wenden wir uns jedoch dem Steig zum Gipfel des Paternkofels (2744 m) zu. Es herrscht Steinschlaggefahr. Wenngleich wir deshalb unbesorgt sind, verzichten wir nicht auf den obligatorischen Helm. Zu Beginn des Aufstiegs sind die ausgesetzten Stellen zum größten Teil mit Drahtseilen versichert. Doch das ändert sich bald und wir suchen uns den Weg, der nicht immer als solcher erkennbar und auch nur noch spärlich ausgewiesen ist, über Felsstufen, Geröll und eine kurze Kletterei zum Gipfel.

 

Die Wanderin über dem Gipfelmeer.

Doch bald ist es geschafft; wir erreichen das unerwartet große Gipfelplateau. Dieser Ausblick – unbeschreiblich. Das Wetter ist klar, die Sicht weit. In nächster Nähe blicken wir auf die markanten, teilweise überhängenden Nordwände der Drei Zinnen. Rundum in der Ferne reiht sich Gipfel an Gipfel. Wie die mitten in der Bewegung erstarrten Wellen eines Ozeans. Wir lassen uns Zeit. Staunen. Man möchte diesen Anblick festhalten, ganz in sich aufsaugen. Nie wieder wegsehen. Sich dieser Schönheit aussetzen und sie ertragen. Gleichzeitig setzt bei mir die Angst ein, ich könne diese Szenerie schon bald wieder vergessen haben. Ebenso wie das damit verbundene Gefühl, dieses Schütteln vor Glück.

Drei Zinnen

[Markante Felstürme.]

 

Eine bemerkenswerte Begegnung.

Kurz bevor wir aufbrechen, trauen wir unseren Augen kaum: Ein junger Mann – ohne Klettersteigausrüstung oder Helm und mit nacktem Oberkörper – rennt auf das Gipfelplateau. Wobei, eigentlich ist es eher eine Mischung aus Joggen und Springen. Wie eine Gämse bewegt er sich fort. Sicher und rasch. In sein Gesicht steht die pure Freude geschrieben, die er bei seinem Tun empfindet. Es stellt sich heraus, dass er Amerikaner ist, jeden Tag klettert und zum ersten Mal die Dolomiten besucht – oder sollte man sagen: erlebt. Hier hat er die perfekte Spielwiese gefunden, um sich auszutoben. Im Gespräch spürt man bei jedem Wort seine Begeisterung und Lebensfreude. Selten empfinde ich Neid, doch an diesem Tag schon. Wie gern würde auch ich mich auf diese Weise in den Bergen bewegen. Frei von jeder Angst, allwissend um diesen Raum, selbstsicher, elegant, schwerelos. Bei der kurzen Kletterpartie zum Gipfel sah ich hingegen wahrscheinlich eher aus wie ein Mistkäfer. Langsam, vorsichtig, tastend, vielleicht sogar etwas unbeholfen. Doch nicht nur die Bewegungen des Fremden sind mühelos. Von ihm geht eine Leichtigkeit aus, die tief aus seinem Inneren zu kommen scheint. Ein Mensch, der ganz mit sich selbst im Einklang ist. Sein ganzer Habitus ist Selbstverständlichkeit. So sehr ich das Bergsteigen auch liebe, so sehr fürchte ich doch die Höhe. Dies nimmt mir immer auch ein Stück Unbeschwertheit. Es ist mehr als nur Schwindelfreiheit und physische Verfassung, das ihn und mich so wesentlich unterscheidet. Es ist die Dialektik von Innen und Außen, Geist und Körper.

 

Zwischen Historie und Legende.

Schließlich kehren wir auf demselben Weg zurück vom Gipfel in die Gamsscharte und folgen nun in nördlicher Richtung dem De Luca Innerkofler-Steig, der zur Dreizinnenhütte führt. Namensgeber des alten Kriegssteiges ist der bekannte Dolomitenkletterer Sepp Innerkofler, der hier während des Gebirgskrieges 1915 beim Versuch, den von italienischen Alpini besetzten Gipfel des Paternkofels zurückzuerobern, zu Tode kam. Innerkoflers Leichnam wurde von dem Alpino Piero de Luca geborgen und auf dem Gipfel beigesetzt. Kurz zuvor soll de Luca beim Klettern in der Großen Zinne in Not geraten und von Innerkofler gerettet worden sein. Wahrheit oder Legende? Wir wissen es nicht und im Grunde ist es auch gleich; die Dramatik dieser Geschichte bleibt so oder so eindrücklich.

Naturpark Drei Zinnen

[Atemberaubende Schönheit, wohin man auch schaut.]

 

Hinein in die Dunkelheit.

Über eine in der schattigen Nordseite befindliche Rinne, gefolgt von einer kurzen Wand, gelangen wir zur Galleria Paterna – ein etwa 400 m langer, über weite Strecken stockdunkler Stollen, der als Teil des Klettersteigs zur Versorgung der Truppen angelegt worden war. Ohne Stirnlampe kann es hier riskant werden, denn die bergab führenden Stufen sind unregelmäßig und teilweise rutschig. Wir haben die Stollen ganz für uns und fühlen uns ein bisschen an das zwergische Moria aus Der Herr der Ringe erinnert. Immer wieder gibt es Fenster im Fels, durch die man Blicke nach draußen werfen kann. Viel wichtiger aber ist, dass so zumindest ein wenig Tageslicht in die dunklen Gänge gelangt – dieses hat eine seltsam beruhigende Wirkung auf mich. Erst als wir die Galleria verlassen und wieder die warme Septembersonne im Gesicht spüren, bemerken wir, wie kühl und feucht es dort drinnen war.

 

Zurück im Licht.

Unter uns liegt die Dreizinnenhütte, doch wir setzen uns lieber am Wegesrand ins Gras, verzehren den Rest des Proviants und genießen die Sonnenstrahlen. Ewig könnte ich hier bleiben. Umgeben von bizarren Felsformationen. Die frische, kühle Bergluft bewusst einatmen. Nur nicht aufbrechen, denn das würde das Ende dieses Tages im Gebirge, in einer anderen Welt, bedeuten. Der Rückweg zum Rifugio Auronzo sollte – obgleich wir auf dem in südwestlicher Richtung verlaufenden Wanderweg nochmals die imposanten Nordwände der Drei Zinnen ausgiebig in Augenschein nehmen können – unangenehm langatmig werden. Wir haben bei der Begegnung mit dem Mountainbiker und vor allem bei den beiden Pausen ziemlich herumgetrödelt und nun ist es inzwischen spät am Nachmittag. Doch für mich gibt es nichts Besseres als einen Tag in den Bergen. Nur hier bin ich ganz im Augenblick. Ganz bei mir selbst. Bei Schritt und Griff und Tritt.

[Rückweg.]

 

Epilog.

Insgesamt war dies eine wirklich großartige Tour, eine anspruchslose, aber keineswegs langweilige Via Ferrata (dem Schwierigkeitsgrad B/C zugeordnet) in grandioser Landschaft mit wunderbaren Ausblicken, spannendem historischen Hintergrund und der zusätzlichen Besonderheit in Gestalt der Galleria Paterna. Wesentlich für unser Erlebnis war auch, dass an diesem Wochentag Mitte September nur wenige Leute diesen Weg begangen sind. Am Wochenende und in anderen Jahreszeiten soll der Steig völlig überlaufen sein. Im Übrigen kann man diese Tour auch in umgedrehter Richtung begehen.

Diese Partie ist Teil des einzigartigen Projekts „Dolomiten ohne Grenzen“, ein Höhenweg, der Weitwandern und das Begehen von Klettersteigen kombiniert.

 

 

 

2 Gedanken zu “Über dem Gipfelmeer

  1. Herzlichen Dank für diesen höchst ergreifenden Bericht und die wundervollen fotografischen Impressionen – ich konnte förmlich die schneidende, frische Luft spüren, welche sich auf die Lungen legt, wenn man dort oben steht – die Augen geschlossen, tief atmend.

    1. Liebe Luise, meinen allerherzlichsten Dank für diese Rückmeldung! Es freut mich über die Maßen, dass ich dich mit meiner Erzählung mitnehmen konnte.

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